KISS | Alive
„You wanted the best and you got it! The hottest band in the world…KISS!”
Oile war 9 Jahre alt. Oile wollte das Beste... und er bekam das Beste. Durch meinen Cousin bereits 1987 infiziert, war ich Kiss schnell hilflos ausgeliefert. Seit meinem achten Lebensjahr investierte ich meine kompletten Ersparnisse nur in diese Band. Und so dauerte es auch nicht allzu lange, bis ich DAS Meisterwerk mein Eigen nennen konnte. Alive! – das Album, das der New Yorker Band absoluten Oberstatus bescherte.
Noch 3 Jahre danach waren Kiss das Ding in der Rock´n´Roll-Szene. Man muss sich das mal vorstellen. Vier Typen gründen 1973 eine Band und denken sich „Klar legt sich jeder von uns nen Charakter zu und schminkt sich dementsprechend... klar zünden wir Pyroeffekte auf der Bühne... selbstverständlich tragen wir mehrere Zentimeter hohe Plateaustiefel... und ganz klarer Fall, dass wir die größte Rockband auf Erden werden.“ Und das 1973! Was heute wohl mehr oder weniger belächelt wird, schockte die Musikszene zu der Zeit völlig, packte sie frontal wie ein Wrestler, warf sie zu Boden und zwang sie zu Aufgabe. It was Kissin´ Time.
Drei Studioalben (Kiss, Hotter than Hell, Dressed to Kill) veröffentlichte die Band in den ersten zwei Jahren ihrer Karriere, die jedoch weit hinter den Erwartungen zurückblieben und eher floppten. Und obwohl sich auf Dressed to Kill der Hit „Rock and Roll all nite“ befand, waren es doch eher die Livekonzerte, die Kiss auszeichneten und sie ins Gerede brachten. Vom Outfit mal ganz abgesehen bestachen die vier New Yorker ihr Publikum mit einer immensen Pyro- und Lichtshow, Bassist Gene Simmons spuckte während der Gigs Kunstblut und Feuer, Drummer Peter Criss wurde mit seinem Schlagzeug hoch in die Luft gefahren, die Gitarre von Leadgitarrist Ace Frehley war mit Glühbirnen und Raucheffekten ausgestattet, die sie brennend erscheinen ließen und der kokettierende Frontmann, Gitarrist und Sänger Paul Stanley zerschmetterte bei jedem Konzertfinale seine Gitarre in zig Einzelteile.
Der Plan war es nun, diese Liveenergie einzufangen und auf Platte zu bannen. Im September 1975 erschien Alive!. Die meisten Songs wurden während einer Show in Detroit aufgenommen, eine Stadt, die die Band immer noch als eigentlichen Startpunkt ihrer Karriere bezeichnet. Das Doppelalbum verkaufte sich millionenfach und wurde ein immenser Erfolg, nicht nur für Kiss, sondern auch für deren Plattenfirma Casablanca, die zuvor quasi vor dem finanziellen Aus stand. Für Alive! regnete es insgesamt viermal Platin.
Es gibt kaum ne Platte dieser Rock-Giganten, die sie wohl besser beschreiben könnte. Alle, aber auch wirklich alle Hits sind auf Alive! zu finden. Den Opener macht das extrem rockige „Deuce“, gefolgt vom Kopfnicker „Strutter“ und „Got to choose“. Mit „Hotter than Hell“ machen die (damals noch) Jungs verständlich, wem hier das Stadion gehört, nur um mit „Firehouse“ samt Pyroeffekten und Sirenengeheul und einem euphorisch die Masse aufpeischendem Paul Stanley am Mikro, die erste Seite der Scheiblette zu beenden. Uff! Ein hervorragender erster Akt. Immer noch macht dies Bock auf mehr.
Feucht bleibt der Schritt auch bei Part 2. Besser als mit „Nothin´ to lose“ kann man wohl kaum aufwarten. Das ist Rock´n´Roll verdammt... Nicht weniger, auch nicht mehr... aber Rock´n´Roll in absoluter Vollendung. Von „C´mon and Love me“ bis „She“ wird’s dann immer sleaziger und zunehmend freut man sich auf Seite 3. Platten hören is ja so viel geiler als CDs...ihr armen, jungen Würstchen, die davon keine Ahnung haben...
Sobald man die neue Scheibe auf den Plattenteller gelegt hat und die Nadel auf „go“ setzt, fliegen dann auch nur noch die Eier aus der Buxe. So viele Eier hat man gar nicht, ey...
Kiss wirken auf Alive! so verdammt frisch, jung und knackig wie danach einfach nie wieder. Ob es jetzt die Ansagen Stanleys sind, die er mit seinem herausstechenden Organ der jubelnden Menge entgegenschmeisst, ob es die Tatsache ist, dass Peter Criss seine Toms bearbeitet wie ein junger Gott, Simmons den Bass wummern lässt wie mein Nachbar seine Boxen beim Hören von Scooter oder Ace Frehley klarstellt warum er so große Gitarristen inspiriert hat wie Dimebag Darrell, Scott Ian oder Snake Sabo. Einen der Höhepunkte des Albums stellt sicherlich „100.000 Years“ dar, indem Frehley sein ganzes Können abfeuert, ständig auf den Punkt zockt und genau weiss wann er wie welches Lick einzufügen hat. Soli wie Jenna Jameson. Ab etwa der Hälfte übernimmt Peter Criss den Hauptpart des Songs und brettert dem Hörer ein mehrminütiges Schlagzeugsolo um die Horchlöffel, das sich gewaschen hat. Das ist Spielfreude pur. Da waren sie noch frisch, die Herren.
„Black Diamond“, „Rock Bottom“, „Cold Gin“...es folgen nur noch Hits und das Album endet in einer absoluten Party mit „Rock and Roll all Nite“ und „Let me go Rock´n´Roll“. Ba Bam! Der Knüller, ey!
Das zwei Jahre später erschienene Live-Album Alive II ist zwar auch n Brett, bestimmt auch facettenreicher, aber es ist eben nicht das Original. Alive III und IV, die ´93 und 2003 veröffentlicht wurden, sind natürlich fetter produziert, wirken aber schon ein wenig schmierig. Und die 1996 herausgebrachte Live-BestOf „You wanted the Best, you got the best“ hätten sich Kiss wirklich sparen können. Ebenso wie einige weitere Greatest Hits-Scheiben und den ein oder anderen Merchandise-Artikel. Mittlerweile sind Kiss leider zu geldgeilen Säcken verkommen, die zwar immer noch rocken wie Katrin, für die aber Credibility ein absolutes Fremdwort zu sein scheint.
Nicht dass man das hier falsch versteht. Kiss sind für mich immer noch die allergrößte Rock´n´Roll Band von Alaska bis Neuseeland. Aber die letzten Jahre waren doch eher eine Farce. Seit der großen Reunion 1996, die marketingtechnisch definitiv mal wieder ein ausgeklügelter Schachzug war, releasten die Köpfe der Band Simmons und Stanley zwar satte 13 Scheiben, so waren aber lediglich 3 davon Platten mit neuem (oder altem ungehörten) Material. Der Rest bestand aus Live-Platten und BestOf-Compilations... Ahem... Das is doof irgendwie und lässt den Fan dastehen, als ob er sich gerade in der Disse aufm Klo die halbe Hose bepisst hat. Peinlich berührt.
Ja. Alive!, ey. Wasn Teil. Und was n Cover, denkt man sich. Witzig, dass dieses eigentlich gar keinem Konzert entstammt, sondern beim Soundcheck geschossen wurde. Jaja, so sind se, die Buben...
18.09.06 | OILE
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