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RADIOACTIVES

Wenn Mike Ness wüsste...

Eine gesalzene Band-Bio, einen Haufen voller positiver Presseberichte und die Auszeichnung des "Deutschen Rock & Pop Musikerverbandes", eine der besten Punkbands in Deutschland zu sein in der Tasche - für die RADIOACTIVES aus Münster könnte es fast besser nicht laufen. Doch häufige Wechsel am Drumset haben in der Vergangenheit eine konstante Live-Präsenz sowie die Aufnahmen an neuen Songs verhindert. Das soll sich jetzt ändern, wie Sänger Martin Möllmann uns verrät.

BOOMERANG | „Die Band vereint die Power der Peepshows, die Seele von Social Distortion, die Attitüde von Turbonegro und die Melodik von All, um schließlich dem Mix ihren individuellen Stempel aufzudrücken. Das gefällt.“ – Ihr präsentiert euch selbst mit äußerst breiter Brust. Gesundes Selbstbewusstsein, oder vielleicht auch ein Stück Provokation, um sich ein bisschen von den vielen anderen Newcomern abzusetzen?

MARTIN MÖLLMANN | Punk ist musikalisch ein so breites Feld, dass in der Bandinfo schon einmal ein bisschen Namedropping sein darf. Denn wer dieses liest, soll ja Lust bekommen, unsere Musik anzuhören, live oder auf Platte. Die genannten Bands umreißen sicher unseren Stil besser als „Punkrock’n’Roll mit Melodie“, oder so. Sicherlich spielen Social D. oder Turbonegro vom Bekanntheitsgrad in einer anderen Liga, wenngleich wir qualitativ gesehen ähnlich viel zu bieten haben. Wir sind immerhin seit 1999 mit den Radioactives am Start und haben seitdem eine Reihe Gigs gespielt, meist recht erfolgreich. Ein bisschen breite Brust darf da schon sein. Mit den genannten Bands wurden wir auch häufiger von Veranstaltern oder Hörern verglichen, die uns vorher nicht kannten.

Was bedeutet euch die Auszeichnung des "Deutschen Rock & Pop Musikerverbandes" , zu den besten deutschen Punkbands zu gehören, bzw. was hat es euch gebracht?

Wir haben mehr aus Spaß an der Geschichte mitgemacht und ein Demo eingesendet. Es war eine Preisverleihung in der Neuen Flora auf der Reeperbahn in Hamburg avisiert, so dass wir dachten, ein Kiez-Trip wäre bestimmt spaßig für die Band und zumindest Freibier und Spitzen-Catering werden schon drin sein. Stattdessen gab es eine Urkunde und einen Händedruck von Heinz Rudolf Kunze. Das ganze hat außer einer halben Seite Radioactives-Huldigungen in der Münsteraner Lokalpresse eigentlich nichts gebracht, aber auch nicht weniger. Der organisierende Verband ist glaub’ ich der größte Interessenverband fur „handgemachte“ Musik in Deutschland. Da sind dann auch solch fiese Gesellen wie BAP, Heinz Rudolf Kunze und Udo Lindenberg etc. drin. Es gab verdammt viele Mitbewerber und eine angeblich musikalisch versierte Jury. Insofern können wir uns schon auf die eigene Schulter klopfen, denn irgendwas muss denen ja an unserer Musik gefallen haben.

Ihr seid ja auch bei anderen Votings und Ausschreibungen am Start und scheint dabei äußerst erfolgreich zu agieren. Wo seht ihr euch momentan als Band - bzw. wie sieht nach 6 Jahren „Radioactives“ euer Fazit aus?

Da wir uns selbst häufiger im Internet bewegen und mittlerweile so an die 4.000 musikbezogene Newsletter pro Tag beziehen, schnappt man so einiges an Votings etc. auf, wo man mitmachen kann. Ich glaube schon, dass uns das irgendwie weiterbringt, wenn man sich aktiv in Musikerkreisen vernetzt. Das muss jetzt nicht gerade übers Internet sein, jedoch spielt sich heute hier vieles ab. Wer uns dort mal uber den Weg läuft, kann sich möglicherweise daran erinnern, wenn wir nächstes Mal in seiner Stadt spielen und kommt vorbei. Und nun zum Fazit unseres Schaffens: Seit Bandgründung gab es wohl keinen Monat, in dem wir uns nicht irgendwie weiterentwickelt hätten, sei es musikalisch, persönlich oder in punkto Bekanntheitsgrad. Und das ist gut so, denn nur so macht es allen Spaß und das ist alles, was für uns zählt, also der Grund um Musik zu machen. Klar wäre es schön, noch mehr Gigs zu spielen und die eigenen Platten nicht hauptsächlich selbst vertreiben zu müssen. Aber so verliert man auch nicht die DIY-Attitüde und bestimmt von vorn bis hinten, was am Ende herauskommt. Das ist doch was!

Ich finde es schwer, eure Musik zu charakterisieren. Versucht’s ihr doch mal.

„Die Band vereint die Power der ...“. Nein, Spaß beiseite – Ich will nicht wieder das Bandinfo rezitieren, wenngleich wir uns natürlich beim Text schon Gedanken gemacht haben, wie sich unsere Musik am ehesten beschreiben lässt. Ich will es trotzdem mal anders versuchen. Wir alle sind große Turbonegro-Fans und versuchen nicht erst seit unserem Support-Gig jedes Konzert der Peepshows mitzunehmen. Deshalb hören wir uns nicht automatisch so an, aber die Einflüsse sind sicher unverkennbar. Es ist Punkrock der rockigeren Sorte. Nicht nur eins, zwei, drei, hau rein, sondern da darf auch schon mal ein Gitarrensolo rein oder eine Triolen-Figur, wenn wir uns nicht die Finger daran brechen. Wir haben außerdem keine Angst davor, die Musik ordentlich zu produzieren. Es soll halt richtig rocken. Der Gesang bringt bei uns noch eine zusätzliche Note mit ins Spiel. Da ich kein Shouter bin, sind die Vocals eher melodiöser, mit ’nem leichten Emo-Touch. Nicht so rau wie bei Mike Ness, aber schon diese Richtung.

| Es ist Punkrock der rockigeren Sorte. Nicht nur eins, zwei, drei, hau rein, sondern da darf auch schon mal ein Gitarrensolo rein oder eine Triolen-Figur, wenn wir uns nicht die Finger daran brechen" |

Warum gibt’s seit knapp 2 Jahren keine neuen Stücke mehr von euch?

Es gibt sogar massig neue Stücke, nur keine neue Platte. Das liegt daran, dass wir innerhalb kurzer Zeit zweimal die Position des Drummers neu besetzen mussten. Um die Live-Fähigkeit wieder herzustellen, mussten wir die beiden Drummer jeweils einspielen. Egal wie gut der Drummer ist, benötigt man dafur Zeit, um wieder ein Minimal-Set reinzubekommen. Mit Dominik sind wir inzwischen aber wieder super aufgestellt und sind gerade an den Vorarbeiten zu einem neuen Longplayer, auf den man gespannt sein darf. In den besagten 2 Jahren hat sich musikalisch viel bei uns getan. Wenngleich wir mit unserer EP nach wie vor zufrieden sind, sind wir zuversichtlich, dass wir diese um Längen toppen können.

Die „aktuelle“ EP habt ihr offensichtlich selbst rausgebracht. Habt ihr kein Label gefunden, oder ist das eine Art DIY-Attitüde?

Eigentlich ist die aktuelle EP, die ja nur 3 Songs von uns enthalt, eher eine Promo-Produktion gewesen, die wir fur Veranstalter und als Demo etc. haben wollten. Weil wir aber von den Stücken überzeugt waren, haben wir diese kurzerhand pressen lassen und in den eigenen Vertrieb genommen. Ich hatte ja bereits erwähnt, dass dies viele Vorteile hat und auch finanziell sind wir so glaub ich nicht schlechter weggekommen. Fur die Zukunft wäre jedoch die Veröffentlichung über ein Label mit entsprechend angeschlossenen Vertriebswegen wünschenswert, um eine größere Zahl Hörer zu erreichen.

Wobei handelt es sich bei Chief Recordings, wo ihr eure anderen Platten veröffentlicht habt?

Chief Recordings ist ein Kumpel aus Münster, der uns bei den ersten beiden Produktionen finanziell unterstützt und sich auch ein bisschen ums Booking gekümmert hat, weil er die Musik klasse findet. Wir hätten natürlich auch Radioactives-Recordings oder so etwas draufschreiben können, wie es andere Bands zum Teil tun, weil sie noch nicht den richtigen Plattendeal haben und Eigenvertrieb nicht so sexy finden.

Auf euere Page sind in 2005 nur zwei bestätigte Live-Termine. Schläft da der Webmaster oder liegt das an euren Arbeiten zu einer neuen CD?

Der Webmaster schlaft niemals. Wir bereiten uns zwar auch auf ein neues Album vor, jedoch wurde uns dies nicht davon abhalten, mehr live zu spielen. Verantwortlich fur unsere derzeitige Live-Abstinenz sind vielmehr die Nachwirkungen aus unserer Drummer-Neubesetzung. Wir mussten in dieser Zeit sehr viele Auftrittsanfragen absagen. Jetzt sind wir wieder fit und müssen offenbar jedem einzelnen Veranstalter neu mitteilen, dass es uns noch gibt (lacht). Das wird aber spätestens zur Veröffentlichung der neuen Platte wieder mehr mit Konzerten.

Wie würdet ihr die Musikszene in Münster beschreiben?

Münster ist als Studentenstadt und Provinz-Metropole auf jeden Fall eine Muckerhauptstadt. Das ist gleichzeitig gut und schlecht für die Szene der „handgemachten“ Musik. Kaum ein Abend vergeht, an dem nicht irgendwo Live-Musik gespielt wird. Vor allem das Gleis 22 und der Green Hell-Store sorgen dafür, dass regelmäßig auch internationale Acts in Münster aufspielen. So sind die Auftritts- und Ausgehmöglichkeiten fur alle Stilrichtungen eher gut. Jedoch ist natürlich auch die Konkurrenz groß und das Publikum entsprechend verwöhnt. Man muss sich entsprechend bemühen, um sich dauerhaft einen Namen zu machen. Wer mit seinen Auftritten über die Stadtgrenzen nicht hinauskommt, wird hingegen maximal 2-3 Gigs im Jahr spielen, da sonst schnell eine Übersättigung eintritt. Die nächsten grö?eren Städte sind erst Osnabrück und Bielefeld mit einem ähnlich guten Kulturangebot wie Münster.

Zum Schluss: Ihr habt einen Wunsch frei. Würdet ihr eher Jenna Jameson quer über die Achse legen, oder im Vorprogramm von Social Distortion spielen wollen?

(lacht) Was ist das denn für eine komische Frage. Wenn es darum geht, zu viert eine Nacht mit Jenna zu verbringen, würde ich persönlich wohl eher die Freuden eines Support-Gigs mit Social D. vorziehen. Bei einem Bandkollegen bin ich mir allerdings nicht so sicher, ob er diese Ansicht teilt. Der Gig wäre auf jeden Fall wohl gesünder, man hätte länger etwas davon und könnte seinen Enkeln noch davon erzählen. Das wäre wohl bei der Jenna-Geschichte etwas problematischer. Außerdem sollte doch ein Support-Gig von einer Band, deren aktuelles Album mit „Sex, Love & Rock'n'Roll“ betitelt ist, genügend Groupies für alle vier abwerfen, oder?

24.11.05 | Interview: MICHA | Home: www.radioactives.de | EP: "Say Year To Hell" (November 2002) | reinhören: http://www.radioactives.de/media_mp3.htm


 

 

 

 

 

 

 


 

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