Man fragt sich ja oft, was es denn nun bringt, Vorband einer großen Band zu sein. Oft reicht es nur für ein nettes Gimmick in der Bandbio, im Falle der Berliner POOLSTAR* aber ist wirklich was draus geworden. Denn nachdem die Jungs ein paar Konzerte als Support der Ärzte bestritten hatten, fand Arzt Rod die Band so dufte, dass er sich dazu entschloss, deren neues Album zu produzieren. Das ist doch mal was.
BOOMERANG: Wie wird man Vorband der Ärzte?
POOLSTAR: Entweder man hat eine Fee, die einem drei Wünsche erfüllt, oder auf Einladung der Die Ärzte selbst - und das dann auch nur, wenn die potenzielle Vorband mindestens einem der Jungs persönlich gefällt und die anderen sie nicht „bullshit“ finden. In unserem Fall war es so, dass Rod uns als Vorband seiner Zweitband ABWÄRTS im SO36 gesehen und für gut befunden hatte. Das war im Sommer 2007, und Anfang 2008 hat er uns dann seinen DÄ-Kollegen als Support für die Jäzzfäst-Tour vorgeschlagen.
Die Tatsache, dass Rod die Platte produziert hat, sichert euch ohne großes Zutun die Aufmerksamkeit allein vieler Ärzte-Fans. Kann das auch den negativen Effekt haben, dass viele Außenstehende die Platte auf Rod reduzieren und euch nur am Rande wahrnehmen?
Da Die Ärzte ja selbst sehr viel experimentieren, sind ihre Fans auch sehr offen für neue Musik. Vor allem Rod macht so viele verschiedene Sachen wie Abwärts, Balzac oder Chico Trujillo, dass die Fans wissen, dass aus dem Umfeld nichts unbedingt wie Die Ärzte klingen muss. Ein mögliches Schubladendenken haben Die Ärzte denen schon aberzogen. Von daher ist es eher ein Vorteil, weil die Fans sich das neugierig anhören. Poolstar* ist die Band und Rod ist Produzent, Punkt aus!
„4“ klingt auf jeden Fall, als hättet ihr mit Rod eine Menge Spaß im Studio gehabt...
Oh ja, das hatten wir! Dank der gemeinsamen Shows im letzten Jahr waren wir auch in keinster Weise befangen miteinander. Vielmehr war es ja so, dass Rod von sich aus auf uns zugekommen war, und er uns bei der Produktion helfen wollte. Somit war es ein gleichwertiges, entspanntes Miteinander. Gleich am ersten Tag brachte er seine Musikalienspielzeugkiste mit, die den Wert unseres bescheidenen Studios prompt verdoppelte. Zunächst wollte Rod auch nur zwei Songs mit uns machen. Aus zwei wurden drei, aus drei wurden vier, und am Ende wurden wir ihn gar nicht mehr los - zum Glück! Wir hatten uns ja schon überlegt, ihn im Studiokeller einzusperren, weil wir so einen Spaß mit ihm hatten, aber komischerweise blieb er sogar freiwillig. Und das, was wir ihm da ablieferten, gefiel ihm so gut, dass er es sich nicht nehmen ließ, persönlich ein paar Backing Vocals und zweite Gitarren beizusteuern. Es war großartig entspannt und fordernd zugleich mit ihm!
Wenn ich eure Platte so höre und gerade an all die Artikel der großen Nachrichtenmagazine denke, in denen die Internet-Generation versucht wird zu beschreiben, bekomme ich das Gefühl, es fehlt der jungen Generation in Deutschland an einem echten Reibungspunkt. Unsere Eltern haben sich noch mit deren Eltern oder den zeitlichen Umständen auseinandergesetzt, während die heutigen Teens und Twens eher mit sich selbst beschäftigt sind. Auch eure Texte gehen oft in diese Richtung – sind sie eine Art Tagebuch für euch? („I killed someone inside of me“ z.B.)
Stimmt schon. Die Reibungspunkte, die unsere Eltern noch hatten, sind aber längst weg- oder weichgespült. Und Popularmusik (oh, das böse Wort) eignet sich auch nicht besonders gut als Transportmittel politischer oder gesellschaftskritischer Inhalte – zumindest nicht, wenn du in Deutschland auf Englisch singst. Die Chance, dass du etwas damit ändern könntest, ist dann eher gering. Und Töff hatte zum Zeitpunkt des Texteschreibens tatsächlich viel mit sich und seiner Beziehung zu kämpfen, so dass sich viele Facetten und Szenarien zwischenmenschlicher Auseinandersetzung in den Songs wieder finden. Im Endeffekt ist es doch so: wenn jeder an sich und mit sich arbeiten würde, dann gäbe es sicherlich weniger Probleme in dieser Welt. Insofern ist die Selbstreflexion an sich ja schon ein zumindest gesellschaftspolitischer Akt.
In ‚Get Me Out Of Here‘ rechnet ihr im großen Stil mit DSDS, GNTM & Co. ab – wenn jetzt die Ärzte oder die Toten Hosen im TV eine Casting-Show veranstalten würden, wäre das „Produkt“, das da bei raus käme, am Ende ehrlicher als das von DSDS?
Natürlich nicht - mal abgesehen davon, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass die Kollegen solch einen Unsinn mitmachen würden. Und wie du schon sagst: es wäre dann ein Produkt und keine Band…
Am Ende geht es ja auch darum, an das Geld der Menschen zu kommen, die da vor dem Fernseher sitzen und mitfiebern. Würdet ihr als Musiker das Fernsehen nicht auch als einzigartige Möglichkeit betrachten, mit potentiellen Fans in Kontakt zu treten? Immerhin erreichen viele Shows und Sendungen mehrere Millionen Menschen, was kein anderes Medium schafft.
Fernsehen braucht doch kein Mensch mehr. Da läuft nur Schrott. Töff und HouZa haben ihre Glotzen schon länger ausm Fenster geschmissen, als mal wieder kein Hotelzimmer zur Verfügung stand. Wir stellen uns eh lieber dem gnadenlosen Wettbewerb im Web 2.0. Aber wenn Stefan Raab uns in seine Sendung oder zum Bundesvision Song Contest einladen würde, dann würden wir sicher nicht „nein“ sagen. Was in diesen Castingshows abläuft ist einfach krank, und man sieht ja, was die „Gewinner“ dieser Gladiatorenkämpfe für eine Laufzeit haben. Danke, aber das ist nix für uns. Andererseits: bei GNTM würden wir natürlich mitmachen – als einzige männliche Models im Haus, natürlich.

"Als Rockband unserer Größenordnung zählen vor allem immer noch die Liveshows und Mundpropaganda."
Würdet ihr „4“ als eure große Chance zum finalen „Durchbruch“ beschreiben, oder habt ihr eure persönlichen Ziele bereits erreicht?
Natürlich ist es immer gut ein so starkes Album im Gepäck zu haben, und „4“ ist auf jeden Fall eine Chance bekannter zu werden, und natürlich wird „4“ unseren Bekanntheitsgrad über die bisherige Fangemeinde hinaus steigern. Aber als Rockband unserer Größenordnung zählen vor allem immer noch die Liveshows und Mundpropaganda. Es gibt auf jeden Fall noch genug zu tun, und langweilig wird es auf keinen Fall. Wenn jeder von uns sein persönliches Ziel schon erreicht hätte, dann hätten wir ja nichts mehr zu tun und könnten uns aufs Altenteil zurück ziehen in unser Haus am See oder noch besser am Meer – und davon sind wir nun wirklich noch meilenweit entfernt…
Werdet ihr in Zukunft wieder mit den Ärzten auf einer Bühne oder mit Rod im Studio stehen?
Wer weiß, wer weiß… Vielleicht ja zum 50jährigen Bühnenjubiläum der Jungs. Aber da musst du wohl eher die Zukunft höchstselbst fragen…
Zum Schluss: Könnt ihr eigentlich Billard spielen? Wer zieht wen ab bei euch in der Band?
Felix und HouZa sind oder besser waren die klassischen Jugendfreizeitheim-Poolbillard-Cracks. Deshalb stößt Felix auf unserem Cover auch so formvollendet die falsche 4er-Kugel. Spree ist diese Einlocherei zu schlüpfrig und daher Whirlpooler, und Töff ist eher der Swimmingpooler. Also auf jeden Fall Poolereien wohin die 4 Augen reichen…