BULLSHITBOOMERANGINTERVIEWS

MONTREAL

Bei aller Bescheidenheit

Das dritte Studioalbum der Hamburger MONTREAL heißt "Montreal" - und ist ein bärenstarkes. Doch abheben wollen die Jungs nicht, gilt die Band doch als bescheiden. Oder ist das alles etwa Mumpitz?

TEXT: Micha :: FOTO: Pressefotos / Montreal

BULLSHIT BOOMERANG: In der Packungsbeilage zu eurem neuen Album ist zu lesen, dass es sich bei euch um bescheidene Jungs handle. Wie äußerst sich das?

MONTREAL: Ach, du weißt doch, was die Plattenfirmen sich immer alles einfallen lassen, um ihre Bands möglichst nett, glaubwürdig und sympathisch rüberkommen zu lassen! Das ist natürlich immer alles Mumpitz! Wir haben mal darum gebeten, in diesen Infotexten nicht so auf den Busch zu klopfen und auf dicke Hose zu machen - daraus wurde dann eben „Bescheidenheit“.

Bescheidenheit ist eine Tugend. Aber kommt man damit im Musikbusiness weit, oder muss man ein dreistes Arschloch sein, um erfolgreich zu sein?

Da möchte ich doch gerne das Phrasenschwein füttern und die kühne Behauptung wagen, dass das so was wie ein Drahtseilakt ist.  Es gibt leider Gottes sehr viele Leute, denen man nur mit Zahlen, Fakten und eben dieser ganzen Dicke-Hose-Nummer einen Hauch von Interesse oder Aufmerksamkeit entlocken kann. Bei anderen wiederum ist das ein 100%iges Genickbruchkriterium, wenn man da diese Schiene fährt – zu erkennen, wen von beiden man grad vor sich hat, ist dann wohl die hohe Kunst.

Ihr habt ja schon zahlreiche, auch namhafte Bands, auf Tour begleitet. Waren schon Bands dabei, wo ihr gedacht habt: Mein Gott, was für arrogante Penner?

Klar. Es bleibt natürlich nicht aus, dass man auf Bands stößt, wo man denkt, „Was sind das denn für selbstverliebte Vögel, welchen Film fahren die denn?!“. Aber man muss halt auch mit dem ersten Eindruck sehr vorsichtig sein. Oft läuft man sich nur im Rahmen irgendwelcher Festivals über den Weg und aus eigener Erfahrung weiß man ja auch, dass wenn man mal verkatert ist oder einfach nen schlechten Tag hat und somit etwas abwesend ist, einem so was schnell mal als Arroganz ausgelegt wird. In vielen Fällen hat sich bei Musikern anfänglich vermutete Arroganz im Nachhinein übrigens als ganz profane Unsicherheit herausgestellt.

Bei aller Bescheidenheit: Seid ihr stolz auf euer neues Album „Montreal“? Ich könnte es euch nicht verübeln...

Man ist, glaube ich, immer stolz, wenn man viel Zeit, Arbeit und Geld in etwas steckt und am Ende sehr zufrieden mit dem Ergebnis ist. Aber wir stehen jetzt nicht auf dem Hamburger Rathausmarkt und trommeln uns auf die entblößte Brust, das ist dann wenn eher ein im stillen Kämmerlein ausgelebter Stolz.

"Es gibt Bands, die Lied um Lied auf einen „großen Feind“ schiessen und nicht müde werden, sich an diesem Thema abzureiben. Wir erzählen eben gern kleine Geschichten aus dem Leben."

Auf dem Album rechnet ihr u.a. gepflegt mit dem ein oder anderen Opfer ab („Schade um Dich“, „Frühstück bei deinen Eltern“, „Erzähl mir mehr“) – gibt es jemanden Bestimmtes, den ihr da ansprecht?

Ich glaube, wenn ich sagen würde, dass die „Schade um Dich“- Geschichte nicht rein fiktiv wäre, würden wir ein paar Probleme mit der Staatsanwaltschaft bekommen. Im Grunde sind das ja alles immer mehr oder weniger Alltagsgeschichten,  von denen einige eben recht nah an der wahren Geschichte dran sind, und andere etwas weitergesponnen wurden. Bei „Erzähl mir mehr“ dachten wir beim Schreiben zwar anfangs schon erstmal an eine bestimmte Band, aber im Grunde trifft es dann ja doch schon auf recht viele zu. Und so ist es bei der allgemeingültigen Form geblieben.

Manchmal fühlte ich mich beim Hören dieser Texte an alte Tote-Hosen-Stücke, wie z.B. „Warten auf Dich“, erinnert. Die haben sich früher ja auch gerne in ihren Texten mit klassischen Opfern beschäftigt, weil der ganz große Feind dann doch nicht vorhanden war. Ist das bei euch ähnlich?

Es gibt ja schon ein paar Bands, die wenn sie erstmal den „großen Feind“ gefunden haben, Lied um Lied, Album um Album in diese eine Richtung schiessen und nicht müde werden, sich an diesem Thema abzureiben. Im Grunde erzählen wir eben gern kleine Geschichten aus dem Leben und da bietet sich eben sehr oft die leicht tragische und somit auch unfreiwillig komisch wirkende Person eher an, als der Überflieger bei dem alles, was er anpackt, zu Gold wird.

Ihr seid aus Hamburg, bleibt in Hamburg, euer Label ist Hamburg – seid ihr Lokalpatrioten und rundum zufrieden, da, wo ihr jetzt seid?

Wir haben bislang alles mit Hamburg Records gemacht und sind auch sehr zufrieden mit der Zusammenarbeit. Dennoch sehen wir uns zu jeder Platte aber auch zusammen mit Hamburg Records nach anderen Möglichkeiten um. So lange da nicht eine Option auftaucht, bei der wir alle das Gefühl haben, dass es was Besseres sein könnte, als in dieser jetzigen Konstellation, wären wir ja aber schön blöd, das unnötig aufzugeben. Bislang hatten wir eben einfach bei keinem Angebot das Gefühl, da was Besseres vor der Nase zu haben.

Stimmt es eigentlich, dass Oliver „Justus Jonas“ Rohrbeck für seine Dienste auf eurem Debüt-Album „Alles auf Schwarz“ lediglich Bier als Entlohnung haben wollte? Wenn ja, wie viel hat er bekommen?

Das ist uns wirklich etwas unangenehm: er hat tatsächlich komplett auf Gage verzichtet, weil ihm gefallen hat, was wir da machen und gemeint, wir sollen ihm dann mal ein Bier ausgeben, wenn er mal in Hamburg ist. Leider ist dieses Treffen bis heute nicht zustande gekommen und wir schulden ihm zumindest von unserem Gefühl her sehr, sehr viele Biere.  Ich hoffe, dass wir da demnächst mal mit der aktiven Entschuldung beginnen können.

 

07.10.2009 ::  LINKS: http://www.montrealmusic.de/ :: http://www.myspace.com/montrealmusic :: MEHR ZUM THEMA : Review "Montreal"