BULLSHITBOOMERANGABISZ

 

SIXXXTEN

Im Käfig voller Narren

Eine blutverschmierte Lederjacke, ein martialischer Tiel: "Jugend Violencia" heißt das Debüt der Schweinerocker SIXXXTEN aus Norddeutschland. Dabei geht es gar nicht um Gewalt, sondern um die unvergleichliche Kraft und Blüte der Jugend. Dementsprechend sprudelt es aus Sänger Hanno auch nur so heraus. Frei von der Leber geht es ums Vorglühen, -1 Zuschauer und eine überraschende Lanze für Die Toten Hosen.

AUFGEZEICHNET: Micha :: FOTOS: Sixxxten / MySpace

ARSCHBACKEN

Erinnern mich an einen meiner Lieblings-Oldschoolrapper. Als ich das erste mal Sir Mixalot´s „Baby´s got back“ nachts auf MTV sah, war das eine Offenbahrung für mich. Viel wackelnde nackte schwarze Haut. Ein Traum. Ich wurde ziemlich schnell ziemlich geil.

BOOZED

Seht nette Jungs. Gute Gitarrenarbeit.

CHARDONNAY

Ist das Weißwein? Ich habe mal eine längere Zeit nicht getrunken. Das war eine gute Zeit. Allerdings war´s dann irgendwann auch wieder gut. Als kleine Comebackfeier genehmigte ich mir nach einem gepflegten Glas Wein in einer Bar auf dem Nachhauseweg drei Flaschen billigste „Weinverschnitt-Pisse“ von der Tankstelle. Danch wurde alles schwarz. Ich habe noch nie in meinem Leben so gelitten. Ich gebe offen zu, dass ich während des Gallekotzens am nächsten Abend um halb 8 (!) geweint habe.

DUMMSCHWÄTZER

Gibt’s viele. Sollte man nicht zu ernst nehmen. Macht man selber nämlich auch oft genug. Um so älter man wird, desto mehr ändert sich das erste Gefühl nach einer durchgesoffenen Nacht weg von „Was hab ich bloß getan“ und hin zu „Was hab ich bloß gesagt“. Ich gebe zu, dass mir Variante 1 immer besser gefiel.

ELTERN

Meine sind cool. Und wie alle wollten sie gern, dass aus mir mal was wird. Es hat lange gedauert, bis gerade mein Vater verstanden hat, dass es wichtiger ist, glücklich, als immer sicher zu sein. Aber ich kann sie verstehen, dass mein Tun auf sie hier und da befremdlich gewirkt hat. Meine ersten musikalischen Gehversuche im Kinderzimmer mit meinem 4-Spur Recorder im Drogenwahn waren aus der Sicht eines Dritten sicher etwas „eigenartig“. Helge Schneider war nichts dagegen.

FANS

Ich mag sie alle beide.

GIGS

Immer gern. Es können magische Momente entstehen. Es dauert etwas herrauszufinden, dass das nicht an der Anzahl der Leute, sondern an der Leidenschaft aller Anwesenden, inklusive der Band liegt. Man muss das ja nicht mögen, was ich mache, aber ich weiß, was es heißt Scheisse zu fressen. Immer wieder lecker. (grinst)

"Die Musikindustrie ist ein Käfig voller Narren!"

HAMBURG

... meine Perle. Zwei von uns sind ja gebührtige Bremer und ich habe hier ein neues wunderbares Zuhause mit einer Vielzahl von sehr coolen Menschen gefunden. Ich bin kein Fan von Berlin und deshalb bin ich froh, hier zu sein. Denn hier ist ebenfalls viel los, aber die Attitüde ist eben anders. Aber genau das sagen Berliner auch über Berlin, deshalb liegt die Wahrheit immer da, wo das Herz liegt. Und meins liegt voller Stolz in der Hafenstadt.

INSIDER

... Witze? Gibt’s viele. Immer wieder toll, wenn Leute sich vor Lachen einpissen und man daneben steht und nicht eine Miene verzieht.
... Wissen? Kaum etwas ist so desillusionierend und lächerlich zugleich, wie die Erfahrung, Musikindustrie von innen kennenzulernen. Ein Käfig voller Narren.

JUGEND VIOLENCIA

Die Sache dreht sich nicht um vermeindliche Gewalt unter Jugendlichen, sondern eher um eine gewisse Energie, die man als junger Mensch besitzt, wie zu keiner Zeit sonst in seinem Leben. Es geht um die unglaubliche Kraft, die du hast, wenn du jung und „on fire“ bist. Die Jugend ist ein Schmerz, der sich von Tag zu Tag bessert. Nie wieder wird ein Schmerz so süß und nahrhaft sein. Bittersüße Früchte von viel zu hohen Bäumen. Nie wieder wirst Du so verletzt und kannst selber so verletzend sein. Ein Heiliger Moment. Tränen aus Blut, Narben an den Armen, schlechte Gedichte. Ich hoffe dieses Gefühl, diese unbändige Power nie gänzlich zu verlieren.

KONDOM

AIDS ist nicht heilbar! Habe in meinem Leben mit weitaus mehr Kondomen Blödsinn gemacht, als welche zu benutzen. Nicht, dass ich nicht gewollt hätte...

LYRICS

Entstehen bei mir unabhängig von der Musik und sind oft schon vor selbiger fertig. Ich schreibe immer und überall. Tippe Texte in mein Handy und bekritzel jede Serviette. Ich habe zu Hause viele Bücher voll aus den letzten zehn Jahren mit Bruchstücken und Textfragmenten. Wenn ich einen Song schreibe und mir fehlt etwas, dann gehe ich diese Bücher durch. Unglaublich, was für Perlen man so unverhofft finden kann. Wenn man die Bücher so einzeln in die Finger krigen würde, würde man allerdings denken, ich sei ein Psychopat.

MASSENTAUGLICH

Ist für mich nicht zwangläufig ein Schimpfwort. Ich will ehrlich sein. Ich kriege heute noch Gänsehaut, wenn ich Die Toten Hosen „Bis zum bittern Ende“ spielen höre. Aus den Jungs ist völlig zurecht das geworden, was sie heute sind. Bei den großen „krediblen“ Rockbands in Deutschland kann ich bei jeder einzelnen verstehen, warum sie so erfolgreich sind. Ob ich sie mag, oder nicht.  Ich habe immer genauso viel Musik von Bands gehört, die absolut bekannt und somit wohl auch massentauglich waren. Genauso habe ich natürlich als Nerd auch diverse Ultra-Underground-Themen bei mir im Plattenregal. Ich bin unfassbarer AC/DC-Fan. Soll ich die nicht mehr hören, weil sie massentauglich sind? Wenn ich „Paint it Black“ von den Stones höre muss ich weinen vor Faszination. Das geht ganz bestimmt nicht nur mir so.

NO-GOs

Diese Proll- Fokuhila-Frisuren von diesen Disco-Spacken.
Wenn Fokuhila, dann bitte schön aus Versehen, oder aus „es nicht besser wissen“.

OPEL

„Opel-Gang“. Es ist wie es ist. Schön prollig, entspricht meinem Naturel. (lacht) Fand ich damals schon mit 12 super. Als ich 18 wurde, wollte ich unbedingt einen Kadett C fahren. Ist leider nie dazu gekommen. Auch Manta finde ich absolut geil. Mein guter Kumpel Captain Poon von Gluecifer und den Bloodlights ist ebenfalls großer Opelfreund. Er hat einen Opel Monza. Ich bin aber allerdings alles andere als ein Autonarr...
Wir hatten damals in unserer Gegend einen Jungen wohnen, den eigentlich alle kannten. Und alle wussten, dass sein Vater ein krasser Typ war. Er war bei uns Fussballtrainer und ging nie einer Schlägerei, gerne auch unter Zusehen der restlichen Eltern, neben Bratwurst und Bier, aus dem Weg. Ein echter Vollprollet, aber echt gefährlich eben. Er nannte sich damals „Der Schläger von Hastedt“ (Heimatstadtteil in Bremen) und jeder kannte ihn bei uns. Er auf jeden Fall fuhr einen weißen Opel Manta. Das passte wie Arsch auf Eimer. Der Wagen ist einfach ´ne Waffe. So Imagemäßig.

"'Jugend Violencia' hat nur sehr wenig mit körperlicher Gewalt zu tun. Es geht um ein Gefühl der Kraft und Stärke!"

PUBLIKUM

Immer cool wenn, welches da ist. Habe aber auch schon tolle Konzerte ohne erlebt. Und das nicht nur einmal. Ich glaube, ich bin einer der wenigen Menschen, die von sich behaupten können, nicht nur vor Null Gästen, sondern schon vor -1 Gästen gespielt zu haben. Mit 15 habe ich mal in einem Freizi gespielt, wo dann sogar die Tresenkraft nach Hause gegangen ist.

QUALMEN

Ich liebe den Bombast. Deshalb auch alles, was in irgendeiner Art mit Pyrotechnick zu tun hat. Nebelmaschinen finde ich somit ziemlich super. Ich habe mal auf einem Deutschpunk-Festival bei Frankfurt gespielt und da hat ein Punker dem anderen aus einem halben Meter Entfernung mit einem Feuerlöscher in die Fresse gespritzt. Auch das war sehr lustig und gefiel mir gut.

REIFE FRAUEN

Früher Gern.

SCHULE

Kann Himmel und Hölle sein. Ich kann verstehen, warum Leute dort völlig ausrasten. Unser Platten-Cover und der Titel haben uns schon eingen Stress beschert. In einem Ort bei Winnenden, wo tragischerweise im März ein Amoklauf in einer Schule stattfand, hatten wir kürzlich einen Auftritt. Ich hatte das Artwork nie unter dem Aspekt betrachtet, aber natürlich war es für die Bürger dort etwas eigenartig, überall blutverschmierte Jacken und den Satz „Jugend Violencia“ sehen zu müssen. Ich kann natürlich verstehen, dass die Leute da sehr sensibilisiert sind was das angeht. Allerdings hat der Titel, das Artwork und die ganze Platte nur sehr wenig mit körperlicher Gewalt zu tun. Es geht, wie schon oben gesagt, eher um ein Gefühl der Kraft und Stärke und hat sich natürlich in keinster Weise auf Schulamokläufe bezogen. Bad Timing.

TWITTERN

New School. Es ist leider so, dass man sich den medialen Bedingungen schnellstens anpassen sollte, ansonsten wird es scheisse schwierig, die Leute/Kids noch zu erreichen. Am Ende bin ich aber dennoch immer ziemlich abgetörnt, weil ich als Band mit den Leuten nicht twittern, sondern durchdrehen will. Dieses Zeitalter macht jegliche Art von Musik und Kunst leider extrem schnelllebig, auswechselbar und gefällig. Das kotzt mich an. Insgesamt aber ein Konsumverhalten, welches von der sogenannten Musikjournalie nur noch gestützt wird. Ein neuer Trend aus England. Hui. In 2 Wochen ein alter Hut. Arm.

UMWELTSCHUTZ

Unbedingt. Ich mag Affen lieber als Menschen. Bin seit ewigen Zeiten Vegetarier und freue mich über jede eingeschlagene Mc Donald´s Filiale.

VORGLÜHEN

Standard. Ich brauche vor dem Konzert meistens etwas Zielwasser. Die Macht der Gewohnheit. Habe mir aber aus Lampenfieber in meinem Leben auch schon diverse Male ein paar Bier zuviel reingetan, und original echte Filmrisse auf der Bühne gehabt. Habe insgesamt aber gelernt, auch schwerst besoffen spielen zu können.

WITZE

Immer wieder ein besonderer Moment, wenn du auf der Bühne einen reißt und wirklich kein Schwein lacht und auch deine Bandkollegen nur beschämt zu Boden gucken. Ist mir nicht nur einmal passiert. Aber wer so ein Output an Wahnsinns-Gags hat wie ich, der kann sich das erlauben. (lacht) Ha!

XENA

Traurige Sonntagnachmittage. White Trash at its best. Unser Gitarrist Nils steht auf sowas. Der guckt aber auch echt alles.

YOUPORN

Guck ich gern. Die menschliche Tragödie wirkt faszinierend auf mich. Immer wieder erstaunlich, wie viele Leute sich beim Ficken filmen lassen und sich hinterher wundern, dass die ganze Welt Bescheid weiß.

ZEIT

„Als der Mensch die Zeit erfand, war das erste was sie tat, dass sie sich gegen ihn wand. Von nun an waren sie Feinde in einem ungewinnbaren Krieg, die Zeit hat das verstanden, der Mensch allerdings nie.“

Ein schönes Gedicht von mir, welches ich soeben in einem meiner oben genannten Bücher gefunden habe.

10.06.2009 ::  LINK: http://www.myspace.com/sixxxten